Nina Baydur - Kunstmalerin

Meine Wege zur Malerei

Bis zum Abitur hatte ich an der Volkshochschule eine Zeichenausbildung für gegenständliche Malerei gemacht - als Ergänzung zu der an der Waldorfschule angebotenen Farb- und Formenlehre. Der Kunstunterricht war hier ganz auf das Ästhetische ausgerichtet. Es entstand bei mir ein feines Empfinden, welche Farbklänge als "stimmig" und welche als unstimmig, oder "noch nicht ganz stimmig" erlebt werden. Das Gleiche betrifft die freie, also ungegenständliche Form. Schon früh hatte ich Eindrücke von stark bewegten Farben und Formen - und die Sehnsucht nach einer mir noch unbekannten Art der Malerei. Gegenständliches abzubilden, hat mir nichts mehr bedeutet. Ab 2005 habe ich Wandgestaltungen ausgeführt, von denen hier einige Fotos gezeigt werden. Was sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ist autodidaktisch entstanden - dieser Lernprozess dauert an. Mein "Lehrer" ist das reflexive Denken, dass das Bisherige analysiert und neue Aufgaben stellt. Dann aber kommt es wieder aufs Sehen und Fühlen an.

Ich werde manchmal gefragt, auch von anderen Künstlern, woher ich die Formen mit den vielen Übergängen habe. Jemand sagte, er glaube sehr viel nachdenken zu müssen, um so zu malen. Meine Arbeiten sind ein Ergebnis des Nicht-Denkens. Ich sehe sie auf der Leinwand, bevor ich die Farben und Formen gestalte, so wie ich den Baum sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue. Allerdings ist eine Scheibe davor, die manchmal beschlagen, oder sogar verschmutzt sein kann. Das Beschlagen sind negative Emotionen, oder unkontrolliertes Denken.

In dem Moment, in dem ich klar hindurch sehen kann, blicke ich in eine bewegte Welt. Ich versuche, einen Ausschnitt davon festzuhalten. Das Darstellen dessen, was mir vorschwebt, ist ein sensibler Vorgang. Er betrifft die Farbe genauso wie die Form sowie die Beziehung zwischen beiden. Keines meiner Motive ist "fertig". Es lässt die Möglichkeit offen, auf Grundlage eines ersten Versuchs einen weiteren, für mich stimmigeren, zu erarbeiten. Denn jedes Motiv beinhaltet die Möglichkeit vieler neuer Motive, die wiederum zahllose weitere hervorbringen könnten. Manchmal sehe ich diese gesamte Vielfalt für einen Moment. Dann muss ich mich entscheiden für das konkrete Bild.

Kreativität des Nicht-Denkens:

Gedanken können oft ungewollte Bewegungen unseres Geistes sein. Nicht-Denken ist also Kunst im Sinne von: Kreativ. Auch Kunst im Sinne von: Können. Der Künstler, der ein Stück Natur war, ist vom Menschen (von sich selbst) geschaffen, also jetzt ein Kunstwerk. Alle seine Werke sind Selbstporträts - Darstellungen seines Innenlebens. Das Innen entstandene künstlerische Werk geht dem äußeren Kunstschaffen voran.

Dynamik und Ruhe

Die Dynamik eines Motivs halte ich im Entwurf fest. Das ausgeführte Bild soll gleichzeitig Ruhe vermitteln. Dafür müssen die Farbverläufe gleichmäßig sein.  Die Farben werden in mehreren Schichten aufgetragen. So wie in früheren Zeiten jedes Kunstwerk Arbeit bedeutete (im Sinne von: Handwerks-Arbeit), so ist auch bei mir eine feine Ausführung als kunst-handwerkliche Arbeit nötig. Sie ist die technische Bedingung, um ruhige Dynamik zu vermitteln.

Licht

Lichteindrücke entstehen durch zwei verschiedene Maltechniken: Licht kann nicht gemalt werden. Bei der einen Technik entsteht der Lichteindruck durch die umgebende Farbe. Licht entsteht an Dunkelheit, oder zumindest an der Begegnung mit einer intensiveren Farbe.

Das zweite ist das Lichthafte der lasierenden Technik. Sie ist am besten auszuführen mit Aquarellfarben oder Acrylfarben, die aquarell-artig angewendet werden, wässrig. Auf die weiße Leinwand werden mehrere durchsichtige Farbschichten aufgebracht. Der weiße Hintergrund scheint durch alle Schichten noch hindurch. Das auf die Leinwand fallende Licht durchdringt die Schichten bis zum Untergrund und wird von diesem zurückgeworfen. Diese Reflexion ist wie eine Beleuchtung des Bildes von Hinten. (Dieser Effekt ist auf Fotos kaum darstellbar, weil ja eine Digitale Bilddatei aus Punkten besteht, die nebeneinander liegen. Innerhalb eines Punktes werden übereinander liegende Farben zu einem aus ihnen gemischten Farbton zusammengefasst.)

Dies sind zwei technische Hilfsmittel, um innerlich erlebtes Licht auf die Leinwand zu bringen.

Immaterieller Eindruck

Die lasierende Technik erweckt den Eindruck des Immateriellen. Es gibt keine solchen durchsichtigen Gegenstände. Selbst wenn ich einen Bergkristall malen wollte, der auf weißem Papier liegt, bräuchte ich verdünnte schwarze Farbe - er enthält Schatten in sich, da er 3-dimensional ist.

Das durchsichtig lasiert gemalte Bild hat Tiefe, aber keine Schatten.

Was ist Kunst? Was ist moderne Kunst?

"Abstrakt-Konkret" - hier taucht eine positive Aussage über das Abgebildete auf: Es ist etwas Konkretes, Eindeutiges. Die Eindeutigkeit einer Bildaussage ist für mich ein wichtiges Ziel, als Künstlerin starke, eindeutige und unterschiedliche Bildaussagen machen zu können.

Wie die Abbildung eines materiellen Gegenstandes nicht nur die Summe seiner Formen und Farben ist, so soll auch meine Kunst etwas darstellen, was durch Form und Farbe nur vermittelt wird.

Was "zeitgemäß ist" muss Gedanklich festgelegt werden. Es hat damit zu tun, was Menschen denken und meinen, mit Erinnerungsgedanken an das, was andere malen, oder gemalt haben und wie wieder andere darauf reagiert haben. Diese Gedanken haben noch niemals ein Bild oder Kunstwerk verändert. Sie verändern höchstens die Wahrnehmung des Einzelnen, die er vom Abgebildeten hat. Wenn nichts gedacht wird, ist das Bild am besten sichtbar. Das Nicht-Denken ist auf jeden Fall eine Kunst - ich glaube, sie ist auch modern.

Nina Baydur